Google Street View – Kritik an der Kritik

6 Jahre alt von in hinterfragt Tags: , , , , , , , , ,

Ist schon interessant, da startet nach langem hin und her der berüchtigte Google Dienst Street View und plötzlich wundern sich einige warum ihr Haus nicht zu sehen ist? HÄÄ, haben nicht vor Monaten erboste Menschen aufgeschriehen, dass es unverschämt wäre, wenn Google ihr Haus öffentlich zeigen würde? Durch diese Proteste und das große Medienecho fühlte sich auch Ministerin Aigner dazu bewogen persönlich Gespräche mit Google aufzunehmen. Das Ergebnis war die Möglichkeit von einem Widerspruchsrecht Gebrauch zu machen, um eine Veröffentlichung des Hauses zu verhindern. Dieser Möglichkeit folgten auch ca. 244.000 Menschen bundesweit. Die Problematik, dass Befürworter und Gegner in einem Haus leben könnten wurde leider nicht abschließend behandelt. Denn laut Twitter und Facebook waren einige sehr überrascht, dass ihr Haus nun verpixelt ist. Einige forschten direkt nach und erfuhren, dass der Vermieter ohne die Mieter zu informieren seinen Widerspruch eingelegt hatte. Ich frage mich an dieser Stelle: WARUM? In diesem konkreten Fall lebte er noch nicht mal dort. Und ob eine Veröffentlichung der Fassade noch weitere Nachteile (z.B. Wertminderung, erhöhte Einbruchsgefahr) nach sich zieht ist nicht erwiesen und meiner Ansicht nach unwahrscheinlich. Meiner Meinung nach ist eine Veröffentlichung eher vorteilhaft, z.B. für potenzielle Mieter, die sich das Haus und die Umgebung vom Computer aus angucken können. Die Forderungen nach Mietminderung halte ich aber für unangemessen. Ebenso ist es wohl vorgekommen, dass keine Kommunikation unter den Parteien eines Hauses stattfand und die Gegner Einspruch einlegten ohne die Anderen zu informieren. Da taucht natürlich direkt eine juristische Frage auf. Dürfen einfache Mieter überhaupt Widerspruch einlegen?

Ja, dürfen sie, denn Google prüft nicht die Eigentumsverhältnisse und fragt nicht nach Entscheidungen in Eigentümerversammlungen, so dass streng genommen sogar fremde Leute, die nicht dort wohnen eine Löschung beantragen könnten (wenn z.B. Nachbarschaftsstreit besteht). Ein prominentes Opfer dieses Missbrauches ist die Bundesgeschäftsstelle der Grünen. Obwohl unter dieser Adresse nur die Grünen zu finden sind und diese keinen Antrag gestellt haben wurde das Gebäude verpixelt. Recherchen bei Google ergaben, dass Unbekannte die Verpixelung beantragt hatten. Dieser Missbrauch sei bei Google nicht aufgefallen, wie auch, sollte Google in jedem Einzelfall prüfen, ob diese Person dort wohnt oder die Berechtigung dazu hat? Dies wäre wohl ein unverhältnismäßiger Aufwand. Da das Internet-Unternehmen die Fotodaten bereits gelöscht habe, ist die Anonymisierung nicht mehr rückgängig zu machen. Kann man hier also wirklich noch von Datenschutz reden? Das Verpixelungsformular und die richtige Wohnadresse reichen aus, damit das Haus für immer verschwindet. Bei der Bearbeitung der Widersprüche werden die Rohdaten gelöscht, so dass eine Unkenntlichmachung unwiderruflich ist. Auf diese tolle Idee kam natürlich die Politik, die von Google nach der Verpixelung auch eine Vernichtung der Originalfotos verlangte, deutsche Gründlichkeit eben. Das dies aber eine Einbahnstraße und Unwiderruflich ist, wurde nur selten kommuniziert. Mittelfristig könnte das wirtschaftliche Folgen haben, da Miet- und Kaufinteressenten sich schon heute fast ausschließlich im Netz informieren. Das größte deutsche Immobilienportal Immoscout24, große Reiseunternehmen und der Großveranstalter Eventim haben bereits angekündigt, Street View zu integrieren. Wenn da mal kein Nachteil für die verpixelten Häuser entsteht, der für immer bestehen bleibt. Die Beweggründe für eine Verpixelung mögen Vielfältig sein, aber der Gedanke, wenn ich mein Haus löschen lasse bin ich „sicher“, könnte nach hinten losgehen. Denn entgegen dieser naiven Überzeugung könnten dann mit dem Löschen (Verblenden, Verpixeln) von Daten paradoxer Weise keine Daten vernichtet, sondern werden vielmehr neue Daten erzeugt werden. Diebe könnten meinen, dass es dort viel zu holen gibt oder potenzielle Mieter / Käufer könnten die anderen Parteien hinterfragen (Verfolgungswahn, Technikfeinde, haben etwas zu verheimlichen, schlechter Gebäudezustand, Googlekritiker, …) oder dubiose Etablissements vermuten.

Nachdem viele den Dienst nun live ausprobieren können und realisieren, dass Street View doch nicht so schlimm ist, wie die Medien berichteten, wollen nun einige zurückrudern und ihr Haus doch zeigen lassen. Dies ist aber ja leider nicht möglich. Ich empfinde die zahlreich verpixelten Häuser als extrem nervig und man verliert schnell die Lust virtuell durch eine Stadt zu fahren. Wie man erkennen kann bin ich ein Befürworter von Street View, nicht zuletzt, da ich im Spanien Urlaub dieses Feature oft und gerne genutzt habe, um Tagestouren zu planen oder, um den Tag nochmals revue passieren zu lassen. Daher bin ich eher enttäuscht, dass Google erstmal nur Straßen und Plätze der 20 größten deutschen Städte zeigt und meine Stadt Münster nicht dabei ist. Ebenso häufen sich die Meldungen, dass manche Bürger der Datenkrake Google einfach nur eins auswischen wollten, um zu zeigen wer der „Mann im Haus ist“. Anders ist es nicht zu erklären, dass manche Häuser bei Street View nicht über den Bilderdienst Panoramio, sightwalk oder bei Bing Maps jedoch zu sehen sind. Hier ein Beispiel:

In Street View sieht man nur Pixel:

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In Mircrosofts „Bing Maps“ hat man neben der gewöhnlichen Satellitenansicht von oben auch eine schräge Ansichtsmöglichkeit. Und siehe da die Häuser sind öffentlich zu sehen. Und weil es so schön ist, kann man auch direkt den Hinterhof begutachten, was bei Google nicht möglich wäre.

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Oder noch einfacher, wenn die Netz-Community selber Bilder ins Netz stellt, auf die direkt aus Street View heraus zugegriffen werden kann!

Street View Ansicht:

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Mit Hilfe von Panoramio sieht man das Haus dann doch.

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Dies sind nur zwei Beispiel von vielen, wie man die eigentliche Verpixelung umgehen kann. Hier erkennt man aber, dass sich die Menschen durch diese Google Hetzjagd von der Politik und den Medien haben beeinflussen lassen und es den Leuten oft nicht wirklich um die Veröffentlichung der Fassade geht.

Mein Fazit: Wir beobachten bei uns ein Kultur- und Altersproblem. Gerade die ältere Generation ist über diesen Dienst total empört und weiß nicht so recht wie sie damit umgehen soll. Das hier eher die Angst vor etwas Neuem und Unbekannten im Vordergrund steht, erkennt man daran, dass sich z.B. einige ältere Menschen mit ihren vollständigen Namen vor ihren Häusern von der Lokalpresse präsentiert haben (LINK). Eigentlich ja ein Widerspruch, wenn man doch anonym bleiben möchte, oder? Die junge Generation ist eher enttäuscht, dass sie ihr Haus im Netz nicht in voller Pracht bestaunen kann und fragt sich zurecht, warum nur eine Partei eines Mehrfamilienhauses alles unkenntlich machen darf, obwohl die Gesetzeslage nicht eindeutig geklärt ist? Aktuell hat sich zu diesem Thema eine Facebook Gruppe gebildet Ungewollt verpixelt. Dort werden schon spannende Geschichten erzählt. Das hier aber auch ein Kultur bzw. Länderproblem vorliegen muss, erkennt man an der Tatsache, dass nur in Deutschland Street View so stark hinterfragt und angegangen wird. Leider werden uns so einige nicht so bekannte deutsche Tugenden wieder vor Augen geführt, innovationsfeindlich, angstbesetzte und spießbürgerliche Besitzstandswahrung, Zerredungskunst, übertriebener Datensicherungswahn und unausgeprägtes Vorstellungsvermögen. Daher könnte man von außen uns schnell als Datenfundamentalisten und paranoide Kleingeister bezeichnen. Für mich keine schöne Vorstellung.

Nach Monaten der medialen und politischen Debatten wird beim Testen von Street View im Endeffekt nun teilweise festgestellt, dass alles gar nicht so schlimm ist wie angenommen. Auch der Politik kann man hier eine Mitschuld geben, die gerade bei den älteren Menschen eine Street-View-Hysterie geschürt hat, die wohl übertrieben war und von den Betroffenen selber nun als haltlos aufgefasst wird. Das große Problem bei uns Deutschen ist leider nur, dass wir für diese Erkenntnis wie so oft viel Zeit und Geld verschwendet haben.

CEO & Founder (elschundfink), Blogger, Beobachter der digitalen Medienszene, Apfelfreund & Androidnutzer. Du findest mich auch auf Google+

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  • Flo

    Ich habe mir zu dem ganzen noch keine abschließende Meinung gebildet. Ich sehe sowohl Vor- als auch Nachteile, wie bei allen Google-Diensten. Die Gründe „schlechter Gebäudezustand“, „besonders reiche Bewohner“, „dubiose Etablissements“ etc. sehe ich als genauso spekulativ an wie die Gefahr, dass Einbrecher Google Street View nutzen.

    Allerdings sind die Bilder schon bestechend scharf und nachdem ein Kollege letztens seine Wohnung ausgeräumt bekam, nachdem er getwittert hatte, er sei außer Haus, würde mich das auch nicht mehr wundern.

    Zu den nur 20 deutschen Städten: Wird das nicht wie bei Google Earth nach und nach aufgebaut?
    Besten Gruß!

    • michael

      Ja, Google will weitere Städte hinzufügen, macht aber keine genauen Zeitangaben. Und mal ehrlich, Google hat negative Presse und viel zusätzliche Arbeit durch die Bearbeitung der Widersprüche hinnehmen müssen. Es besteht keine rechtliche Pflicht oder Zwang für Google weitere Städte auch wirklich zu veröffentlichen. Daher wird Google überlegen, ob es ökonomisch sinnvoll ist oder nicht.