Google Street View – Kritik an der Kritik

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Ist schon inter­es­sant, da startet nach langem hin und her der berüchtigte Google Dienst Street View und plöt­zlich wundern sich einige warum ihr Haus nicht zu sehen ist? HÄÄ, haben nicht vor Monaten erboste Menschen aufgeschriehen, dass es unver­schämt wäre, wenn Google ihr Haus öffentlich zeigen würde? Durch diese Proteste und das große Medi­enecho fühlte sich auch Minis­terin Aigner dazu bewogen persön­lich Gespräche mit Google aufzunehmen. Das Ergebnis war die Möglichkeit von einem Wider­spruch­srecht Gebrauch zu machen, um eine Veröf­fentlichung des Hauses zu verhin­dern. Dieser Möglichkeit folgten auch ca. 244.000 Menschen bundesweit. Die Prob­lematik, dass Befür­worter und Gegner in einem Haus leben könnten wurde leider nicht abschließend behan­delt. Denn laut Twitter und Face­book waren einige sehr überrascht, dass ihr Haus nun verpixelt ist. Einige forschten direkt nach und erfuhren, dass der Vermi­eter ohne die Mieter zu informieren seinen Wider­spruch eingelegt hatte. Ich frage mich an dieser Stelle: WARUM? In diesem konkreten Fall lebte er noch nicht mal dort. Und ob eine Veröf­fentlichung der Fassade noch weitere Nachteile (z.B. Wert­min­derung, erhöhte Einbruchs­ge­fahr) nach sich zieht ist nicht erwiesen und meiner Ansicht nach unwahrschein­lich. Meiner Meinung nach ist eine Veröf­fentlichung eher vorteil­haft, z.B. für poten­zielle Mieter, die sich das Haus und die Umge­bung vom Computer aus angucken können. Die Forderungen nach Miet­min­derung halte ich aber für unangemessen. Ebenso ist es wohl vorgekommen, dass keine Kommu­nika­tion unter den Parteien eines Hauses stat­tfand und die Gegner Einspruch einlegten ohne die Anderen zu informieren. Da taucht natür­lich direkt eine juris­tische Frage auf. Dürfen einfache Mieter überhaupt Wider­spruch einlegen?

Ja, dürfen sie, denn Google prüft nicht die Eigen­tumsver­hält­nisse und fragt nicht nach Entschei­dungen in Eigen­tümerver­samm­lungen, so dass streng genommen sogar fremde Leute, die nicht dort wohnen eine Löschung beantragen könnten (wenn z.B. Nach­barschaftsstreit besteht). Ein promi­nentes Opfer dieses Miss­brauches ist die Bundes­geschäftsstelle der Grünen. Obwohl unter dieser Adresse nur die Grünen zu finden sind und diese keinen Antrag gestellt haben wurde das Gebäude verpixelt. Recherchen bei Google ergaben, dass Unbekannte die Verpix­elung beantragt hatten. Dieser Miss­brauch sei bei Google nicht aufge­fallen, wie auch, sollte Google in jedem Einzelfall prüfen, ob diese Person dort wohnt oder die Berech­ti­gung dazu hat? Dies wäre wohl ein unver­hält­nis­mäßiger Aufwand. Da das Internet-Unternehmen die Foto­daten bereits gelöscht habe, ist die Anonymisierung nicht mehr rück­gängig zu machen. Kann man hier also wirk­lich noch von Daten­schutz reden? Das Verpix­elungs­for­mular und die richtige Wohnadresse reichen aus, damit das Haus für immer verschwindet. Bei der Bear­beitung der Wider­sprüche werden die Rohdaten gelöscht, so dass eine Unken­ntlich­machung unwider­ru­flich ist. Auf diese tolle Idee kam natür­lich die Politik, die von Google nach der Verpix­elung auch eine Vernich­tung der Orig­i­nal­fotos verlangte, deutsche Gründlichkeit eben. Das dies aber eine Einbahn­straße und Unwider­ru­flich ist, wurde nur selten kommu­niziert. Mittel­fristig könnte das wirtschaftliche Folgen haben, da Miet- und Kaufin­ter­essenten sich schon heute fast auss­chließlich im Netz informieren. Das größte deutsche Immo­bilien­portal Immoscout24, große Reise­un­ternehmen und der Großver­anstalter Eventim haben bereits angekündigt, Street View zu inte­gri­eren. Wenn da mal kein Nachteil für die verpix­elten Häuser entsteht, der für immer bestehen bleibt. Die Beweg­gründe für eine Verpix­elung mögen Vielfältig sein, aber der Gedanke, wenn ich mein Haus löschen lasse bin ich “sicher”, könnte nach hinten losgehen. Denn entgegen dieser naiven Überzeu­gung könnten dann mit dem Löschen (Verblenden, Verpixeln) von Daten para­doxer Weise keine Daten vernichtet, sondern werden vielmehr neue Daten erzeugt werden. Diebe könnten meinen, dass es dort viel zu holen gibt oder poten­zielle Mieter / Käufer könnten die anderen Parteien hinter­fragen (Verfol­gungswahn, Tech­nikfeinde, haben etwas zu verheim­lichen, schlechter Gebäudezu­s­tand, Googlekri­tiker, …) oder dubiose Etab­lisse­ments vermuten.

Nachdem viele den Dienst nun live auspro­bieren können und real­isieren, dass Street View doch nicht so schlimm ist, wie die Medien berichteten, wollen nun einige zurück­rudern und ihr Haus doch zeigen lassen. Dies ist aber ja leider nicht möglich. Ich empfinde die zahlreich verpix­elten Häuser als extrem nervig und man verliert schnell die Lust virtuell durch eine Stadt zu fahren. Wie man erkennen kann bin ich ein Befür­worter von Street View, nicht zuletzt, da ich im Spanien Urlaub dieses Feature oft und gerne genutzt habe, um Tages­touren zu planen oder, um den Tag nochmals revue passieren zu lassen. Daher bin ich eher enttäuscht, dass Google erstmal nur Straßen und Plätze der 20 größten deutschen Städte zeigt und meine Stadt Münster nicht dabei ist. Ebenso häufen sich die Meldungen, dass manche Bürger der Datenkrake Google einfach nur eins auswis­chen wollten, um zu zeigen wer der “Mann im Haus ist”. Anders ist es nicht zu erklären, dass manche Häuser bei Street View nicht über den Bilder­di­enst Panoramio, sight­walk oder bei Bing Maps jedoch zu sehen sind. Hier ein Beispiel:

In Street View sieht man nur Pixel:

street-view

In Mircrosofts “Bing Maps” hat man neben der gewöhn­lichen Satel­li­te­nan­sicht von oben auch eine schräge Ansichtsmöglichkeit. Und siehe da die Häuser sind öffentlich zu sehen. Und weil es so schön ist, kann man auch direkt den Hinterhof begutachten, was bei Google nicht möglich wäre.

bing

bing

Oder noch einfacher, wenn die Netz-Community selber Bilder ins Netz stellt, auf die direkt aus Street View heraus zuge­griffen werden kann!

Street View Ansicht:

block

Mit Hilfe von Panoramio sieht man das Haus dann doch.

block2

Dies sind nur zwei Beispiel von vielen, wie man die eigentliche Verpix­elung umgehen kann. Hier erkennt man aber, dass sich die Menschen durch diese Google Hetz­jagd von der Politik und den Medien haben beein­flussen lassen und es den Leuten oft nicht wirk­lich um die Veröf­fentlichung der Fassade geht.

Mein Fazit: Wir beobachten bei uns ein Kultur- und Alter­sproblem. Gerade die ältere Gener­a­tion ist über diesen Dienst total empört und weiß nicht so recht wie sie damit umgehen soll. Das hier eher die Angst vor etwas Neuem und Unbekan­nten im Vorder­grund steht, erkennt man daran, dass sich z.B. einige ältere Menschen mit ihren voll­ständigen Namen vor ihren Häusern von der Lokal­presse präsen­tiert haben (LINK). Eigentlich ja ein Wider­spruch, wenn man doch anonym bleiben möchte, oder? Die junge Gener­a­tion ist eher enttäuscht, dass sie ihr Haus im Netz nicht in voller Pracht bestaunen kann und fragt sich zurecht, warum nur eine Partei eines Mehrfam­i­lien­hauses alles unken­ntlich machen darf, obwohl die Geset­zes­lage nicht eindeutig geklärt ist? Aktuell hat sich zu diesem Thema eine Face­book Gruppe gebildet Unge­wollt verpixelt. Dort werden schon span­nende Geschichten erzählt. Das hier aber auch ein Kultur bzw. Länder­problem vorliegen muss, erkennt man an der Tatsache, dass nur in Deutsch­land Street View so stark hinter­fragt und ange­gangen wird. Leider werden uns so einige nicht so bekannte deutsche Tugenden wieder vor Augen geführt, inno­va­tions­feindlich, angst­be­setzte und spießbürg­er­liche Besitz­s­tandswahrung, Zerre­dungskunst, übertriebener Daten­sicherungswahn und unaus­geprägtes Vorstel­lungsver­mögen. Daher könnte man von außen uns schnell als Daten­fun­da­men­tal­isten und para­noide Kleingeister beze­ichnen. Für mich keine schöne Vorstel­lung.

Nach Monaten der medi­alen und poli­tis­chen Debatten wird beim Testen von Street View im Endef­fekt nun teil­weise fest­gestellt, dass alles gar nicht so schlimm ist wie angenommen. Auch der Politik kann man hier eine Mitschuld geben, die gerade bei den älteren Menschen eine Street-View-Hysterie geschürt hat, die wohl übertrieben war und von den Betrof­fenen selber nun als haltlos aufge­fasst wird. Das große Problem bei uns Deutschen ist leider nur, dass wir für diese Erken­ntnis wie so oft viel Zeit und Geld verschwendet haben.

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  2. Ich habe mir zu dem ganzen noch keine abschließende Meinung gebildet. Ich sehe sowohl Vor- als auch Nachteile, wie bei allen Google-Diensten. Die Gründe “schlechter Gebäudezu­s­tand”, “beson­ders reiche Bewohner”, “dubiose Etab­lisse­ments” etc. sehe ich als genauso speku­lativ an wie die Gefahr, dass Einbrecher Google Street View nutzen.

    Allerd­ings sind die Bilder schon bestechend scharf und nachdem ein Kollege letztens seine Wohnung ausgeräumt bekam, nachdem er getwit­tert hatte, er sei außer Haus, würde mich das auch nicht mehr wundern.

    Zu den nur 20 deutschen Städten: Wird das nicht wie bei Google Earth nach und nach aufge­baut?
    Besten Gruß!

    • Ja, Google will weitere Städte hinzufügen, macht aber keine genauen Zeitangaben. Und mal ehrlich, Google hat nega­tive Presse und viel zusät­zliche Arbeit durch die Bear­beitung der Wider­sprüche hinnehmen müssen. Es besteht keine rechtliche Pflicht oder Zwang für Google weitere Städte auch wirk­lich zu veröf­fentlichen. Daher wird Google überlegen, ob es ökonomisch sinnvoll ist oder nicht.

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